Sommermärchen

Sommer

Im Sommer an einem strahlenden, heißen Tag nehmen wir Sonne in uns auf. Frühmorgens schon verziehen sich die Wolken, werden zu weißen hohen Wattebäuschen, weit entfernt. In der Mittagszeit verdöst und trunken von Licht, liegen wir im Schatten und blinzeln durch fast geschlossene Augenlieder hinaus. Die Luft steht still. Flimmernde Stille. Tropfen an den Lidern. Der Himmel ist hier und da noch weißgefleckt. Wird es gar zu heiß, kommt eine kleine Wolke vorüber mit ein wenig Wind. So wird es etwas kühler. Ohne unser Zutun läuft das ab. Verändern können wir es nicht. Unser Schicksal nimmt seinen Lauf …

„Verlange nicht, dass die Dinge gehen, wie du es wünscht, sondern wünsche sie so, wie sie gehen, und dein Leben wird ruhig dahin fließen.“ (Epiktet, Lebenskunst, VIII.)

Im Sommer ducken wir uns tagsüber unter die flirrenden hitzegetränkten Oberflächen und bleiben im Schatten. Möglichst ohne Bewegung. Wir spüren den Abstand zu den Alltagsroutinen, zu den Zwängen der von uns routiniert gelebten Alltäglichkeit. Wir üben uns jetzt darin zu glauben, dass alles genauso geschieht, und in der Vergangenheit geschehen ist, wie eine freundliche Fügung es für uns bereit zu halten scheint. Niemand will etwas. Wir entspannen uns und nehmen den flüchtigen Moment wie er ist. An einem hellen Sommertag leuchten wir selber von innen, sind froh bei uns zu sein. Das Leben zieht wie im Schauspiel vorüber.

„Bedenke, dass du ein Schauspieler bist in einem solchen Stück, wie es eben dem Dichter beliebt; ist es kurz, in einem kurzen; ist es lang, in einem langen. Will der Dichter, dass du einen Bettler vorstellen sollst, so stelle auch einen solchen naturgetreu dar. Ebenso einen Lahmen, einen Herrscher, einen gemeinen Mann. Deine Sache ist es nämlich, die Rolle, welche dir übertragen worden ist, gut zu spielen; sie anzuwählen, Sache eines anderen.“ (ebd. XVII.)

In der Hitze des Sommers, in ferienhaften Freiräumen wachsen in uns aus Abständen zum Alltäglichen gedachte Freiräume, Ausstiege aus den Alltagsroutinen. Temporäre Freiheiten, die in Verstehen von Vergangenem, in Ideen und Vorhaben, in neue Gedankenräume für neue Möglichkeiten münden. Traumgeschichten mit und ohne Ende. Das ist nicht wichtig. Im Sommer in Ferien und Urlauben scheinen wir dem alltäglichen Sollen und Wollen enthoben. Wir fühlen, dass nur das in unserer Verfügung steht, was in uns ist. Wir sind frei, das zu lassen, was außer uns ist. Wir fühlen, dass wir frei sind, das zu tun, was in uns angelegt ist – später.

Wir können im Sommer lernen, zu wollen, was wir haben. Wir vergleichen nicht mehr. Wir müssen uns nicht anstrengen, um ein Verlangen zu stillen, ein Ziel zu erreichen. Wir sind schon da.

Am Abend gemeinsames Essen, Trinken. Tanzen – Stille in der Nacht, Grillen zirpen. Sternenhimmel. Atemlos.

Die Stoische Philosophie sieht die Welt als einen einzigen Organismus – mit einem ihr innewohnenden Prinzip des Werdens. Alles hängt unauflösbar miteinander zusammen. Das „Pneuma“ oder das Feuer, sagen die Stoiker, durchdringt das Universum. Ihm danken alle Dinge ihre Eigenart und Gestalt. Und der Mensch ist Teil davon.

„Stelle dir das Weltganze als ein Wesen vor, das aus einer Materie besteht und von einem Geist beseelt wird. Sieh, wie sich alles nach einem Sinn richtet, wie durch eine Triebkraft alles bewegt wird und bei allem, was geschieht, mitwirkt, wie alles miteinander verknüpft ist und in Wechselwirkung zueinander steht.“ (Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 4. Buch, Nr. 40)

Im Sommer können wir märchenhaft frei sein. Jetzt ist es einfach Philosoph, Stoiker zu sein.