Lob der Langeweile – Corona eine Zwischenzeit des Möglichen ?

Zwischenzeit

Schon Thomas Mann beschrieb in seinem im Jahr 1924 erschienen Roman „Der Zauberberg“ die Langeweile wenig freundlich : „Was man Langeweile nennt, ist […] eigentlich […] eine krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein.“[1]

Wenn wir mitten in einer Pandemie, dem vermutlich schwerwiegendsten gesellschaftlichen Eingriff seit dem Ende des 2. Weltkrieges, um uns schauen, so betrachten wir eine abrupte Unterbrechung gewohnter Lebensabläufe, eine überraschende Renaissance der Langeweile hinein in eine geölte Unterhaltungs- und Konsumkultur. Bei jedem Einzelnen fällt Einiges oder Vieles seiner zuvor ungezählten Umgebungskomponenten aus beruflicher und kultureller Vielförmigkeit – seiner Lebenskomplexität – schlicht aus. Der Lockdown fordert und erzwingt Lücken in den gewachsenen Komplexitäten, weitgehenden Verzicht auf außerhäusliche Bewegungen (in Sportvereinen und Fitnessstudios, Wege zur Arbeit oder zu Freunden), die zu menschlichen Begegnungen führen könnten. Schulen, als Orte der Ermöglichung und Vorbereitung auf Komplexität bleiben geschlossen. Allein Familien, als Orte der komplexen Bewegung nach innen, durchlaufen die Pandemie gestärkt.

Wir folgen damit staatlichen Regeln zur Komplexitätsreduktion, zur Gleich- und Einförmigkeit. Selbst Bewegungen der Gesichter, bleiben hinter Masken verborgen, visuelle mentale Monotonie. Erlaubt bleibt die beschleunigte Wiederholung der reduzierten Handlungs- und Unterhaltungsoptionen in einer limitierten häuslichen Umgebung. Nach deren vorübergehenden oder finalen Leerlauf greift die Langeweile nach uns. Die Erfahrung der  Langeweile wird in der Pandemie für viele Einzelne zu einem täglichen Begleiter- eine befremdende und entfremdete Zwischenzeit.

Auch Philosophen haben der Langeweile ganz ohne Pandemien zumeist nicht über den Weg getraut.

Die Langeweile schreibt der Lebensphilosoph Giacomo Leopardi schon Anfang des 19. Jahrhunderts „strebt dauernd und unmittelbar wirkend danach, alle Lücken oder leeren Räume zu füllen, welche Freude und Leid in den Seelen der Menschen freilassen (…). Die Langeweile gleicht der Luft, welche alle Zwischenräume zwischen den Gegenständen ausfüllt und deren Platz einnimmt, wenn sie ihn freigeben und kein anderer Gegenstand an ihre Stelle tritt.“[2]

Viel alltägliche Komplexität wird in der pandemischen Zwischenzeit entkörperlicht, verlagert sich weiter als bisher schon in die digitalen Erlebniswelten von Netflix, Facebook, der Computerspiele – für viele ein befristet alternativloser Bewegungs- und Komplexitätsersatz. Tatsächlich enthält die Digitalisierung in beengten Zeiten erhebliche Entspannungs-, Entgrenzungs- und Erweiterungszugänge. Gleichzeitig stellte und stellt die Digitalisierung selber eine Verengung oder Schrumpfung von Wirklichkeitszugängen nach Maßgabe von Rechenschritten, Algorithmen dar, die für den einzelnen User nur eingeschränkt individualisierbar sind. Die digitalen Algorithmen waren schon vor der Pandemie bei den Jungen ein gesellschaftlich bedeutsamer Ordnungsfaktor, da sie von Dritten –   überwiegend unter ökonomischen Interessen – erstellt, große Kollektive gleichförmig erfassen und deren virtuelle Bewegungen zweckgerichtet lenken. Der Einzelne kennt in der Regel die Überlegungen und Gründe der Personen und Unternehmen nicht, die diese Algorithmen programmiert haben. Für viele inkarniert die Pandemie nur die forcierte Fortsetzung eines schon gleichförmigen Status Quo.

Die aktuelle pandemiebedingte Einformung trifft auf eine Welt, die bereits zuvor dramatische kulturelle Komplexitätsverluste und phänomenologische Schrumpfungsprozesse aufweist. Es geht sicher nicht nur um Artensterben, das Verschwinden natürlicher Vielfalt, sondern auch um gewachsene kulturelle Komplexitäten, die ebenfalls drohen, für immer auszusterben. Neben die egalisierenden Verwertungsinteressen einer globalisierten Wirtschaftsordnung, tritt in den Gesellschaften des Westens ein liberalistischer Egalitarismus, der unter Verweis auf einen konfrontativ angewandten moralischen Gleichheitsanspruch, Diversität paradoxerweise als individuelle Ununterscheidbarkeit definiert. Kulturelle Unterschiede zwischen Menschen und Nationen werden sukzessive negiert und durch gleichförmigen Konsum ersetzt. Nach der Auffassung des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk „leben wir [vor Corona] in einer Epoche, die sich dem Auftrag verschrieben hat, den Egalitarismus in Theorie und Praxis durchzuführen.“[3]

Was kommt nach der Corona-Zwischenzeit ? Verstärkt und verstetigt die bedrohliche Pandemie den Prozess des Vereinfachens und Verengens? Oder liegt eine Chance in der aus der zusätzlichen Einförmigkeit und Bewegungsarmut erzeugten Langeweile?

Für den Philosophen Friedrich Nietzsche ist Langeweile die Voraussetzung für neue Kreativität:

„Für den Denker und für alle empfindsamen Geister ist Langeweile jene unangenehme »Windstille« der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht; er muss sie ertragen, muss ihre Wirkung bei sich abwarten …“[4]

Der kontrahierte Leerlauf schafft Hunger auf Neues. Die innehaltende, leergeräumte Seele ist offen für neues Denken, für das sie vorher zu beschäftigt oder zu faul war. Die Langeweile schafft Abstand und schaut so auf ihre Welt – erforderlich für neue Kreativität. Die letzte gemeinsame Menschheitskatastrophe eines Weltkrieges war der Beginn neuen Denkens : Die Vereinten Nationen wurden gegründet, es entstanden neue Geistesformen in Film, Literatur und Philosophie … Die USA steuern ab diesem Jahr 2021 in ein neues postcarbonales Zeitalter. Hoffnung für unseren Planeten. Die Nationen bewähren sich gegen alle Unkenrufe als Orte der Orientierung und des gemeinsamen Handelns für ihre Bürger. Machen wir uns auf den gemeinsamen Weg. Die Zukunft beginnt schon dieses Jahr.


[1] Thomas Mann, Der Zauberberg, 1974, S. 148

[2] Giacomo Leopardi,  (* 29. Juni 1798 in Recanati; † 14. Juni 1837 in Neapel) , Theorie des schönen Wahns und Kritik der modernen Zeit, 1949, S. 36

[3] Peter Sloterdijk, Nach Gott, 2017, S. 211

[4] Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, 1. Buch, Nr. 42