Geschwindigkeit – Überall zugleich und doch zu Hause ?

Wassertaxi in Rotterdam painted by Henri Sohns

Die höchstmögliche, überhaupt erreichbare Geschwindigkeit ist die Lichtgeschwindigkeit. Darunter versteht man grundlegend die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Lichtwellen im luftleeren Raum, im Vakuum (etwa 300.000 Kilometer pro Sekunde oder etwas mehr als eine Milliarde Kilometer pro Stunde). Schneller geht nicht. Licht benötigt bspw. 1,3 Sekunden, um von der Erde zum Mond zu gelangen. Neben Licht breiten sich auch alle anderen elektromagnetischen und Gravitationswellen mit dieser Geschwindigkeit aus. Masse belastete Körper können sich hingegen nur mit geringerer, relativer Geschwindigkeit fortbewegen.

Die Geschichte der Menschen lässt sich auch als Wettlauf mit der Zeit, um eine höhere Geschwindigkeit beschreiben. Allerdings bringt erst die neuere Geschichte in diesem Wettlauf radikale Brüche. Seit der Antike bis in die frühe Neuzeit gab es wenig Bewegung, kaum Beschleunigung. Erst die industrielle Revolution führte auch zu einer veritablen Geschwindigkeitsrevolution. Jetzt entstehen Maschinen (Automobile, Züge, Flugzeuge), die die Menschen selber immer schneller vorantreiben und immer weiteren Teilen der Bevölkerung zugänglich werden – relative Geschwindigkeit für alle.

Kaum ein Jahrhundert später folgt mit der elektronischen Datenverarbeitung, den Informationstechnologien die zweite Geschwindigkeitsrevolution, die mit der Entwicklung von Fernsehen, elektronischer Kommunikation, Datenverarbeitung hin zur künstlichen Intelligenz, zuletzt dem Internet die Lebensgewohnheiten der Menschen grundlegend umwälzt.

Diese elektronische Datenübertragung erreicht das physikalische Geschwindigkeitsmaximum. Sie vollzieht sich in Lichtgeschwindigkeit, in Echtzeit. In der elektronischen Kommunikation, bspw. in Videokonferenzen, in der Echtzeit der Fernsehübertragungen, ist der Mensch am Maximum. Auf unserer Erde ist annähernde Echtzeitbewegung alltäglich geworden, soweit sie sich elektromagnetischer Wellen bedient.

“Heute gibt es also zwei Sonnen: die echte Sonne, die unseren Tag- und Nachtrythmus bestimmt; und die zweite Sonne, die Sonne des Video-Signals, mit der wir über Satelliten, egal ob Wetter- oder Spionagesatelliten, sehen können, was sich weit entfernt abspielt. Damit wird im planetarischen Maßstab eine Instantaneität, eine Augenblicklichkeit möglich. … Die Echtzeit-Technologien … versprechen uns, interaktiv zu sein. Durch Telekonferenzen wird jeder mit jedem kommunizieren können, ja mit sogenannten “Datenhandschuhen” eine Teleaktilität erreichen, d.h. vermittels Sensoren berühren können, was weit entfernt ist. [Wir] … werden die Möglichkeit haben, hier zu bleiben und gleichzeitig woanders zu sein.” (Paul Virilio, Revolutionen der Geschwindigkeit, Merve Verlag Berlin,  S. 12, 14)

Der Mensch hat sich im virtuellen elektronischen Raum selbst eingeholt. Die Entfernungen schwinden und verschwinden. Er begegnet sich virtuell an annähernd jedem Ort auf seinem Planeten in Echtzeit. Überall sofort sein, alles sehen, allgegenwärtig sein. Mehr geht nicht. Er gelangt an die “Mauer des Lichts, die äußerste Grenze einer energetischen Intensität” (Virilio, S. 46). Der physische Mensch selber kommt zum Stillstand. Der Betrachter, der menschliche Rezipient bleibt: Er ist beständig. Körperliche und geistige, intellektuelle Geschwindigkeit scheinen entkoppelt.

Wie wir in Corona-Zeiten gesehen haben und sehen, kann die körperliche Begrenzung und geistig, intellektuelle Entgrenzung – die tatsächliche Entkopplung der zwei Daseinssphären – eine zusätzliche Qualität bedeuten. Videokonferenzen und Homeoffice sind Symbole einer möglichen fruchtbaren Entkoppelung. Sie schafft Menschenzeit, neue Zeiträume, Freiräume. Aber auch für alle ?

“[Es] gibt die absolute Geschwindigkeit von Telekommunikation und -aktion (das Bildschirm-Terminal wird wichtiger als das Flughafen-Terminal), die die bislang letzte Revolution auslösen wird: die Revolution der Übertragungsmedien, die alle Entfernungen tilgen und jede Bewegung überflüssig machen wird … Genau in diesem geschichtlichen Moment stellt sich die entscheidende Frage: Kann man Ubiquität (Allgegenwärtigkeit) und Instantaneität (Augenblicklichkeit) demokratisieren?” (Virilio, S. 68)