Freiheit ist ?

Die modernen Neurowissenschaften zeigen eindrucksvoll die Bedeutung des Nervensystems für die Zusammensetzung menschlicher Wahrnehmungen, für unsere Analyse und Interpretation von Wahrnehmungsinhalten und die Motive von Entscheidungen und Handlungen. 

Was und wie wir wahrnehmen (und was wir nicht wahrnehmen) und wie das Wahrgenommene verarbeitet wird, erweist sich als von Prozessen bestimmt, die außerhalb oder vor unserem Bewusstsein liegen und nur der Hirnforschung zugänglich sind. Nach neueren Berechnungen werden weniger als 10 % der durch die Sinne aufgenommenen Informationen im bewussten Erleben repräsentiert. Der “Rest” wird unmittelbar vom Gehirn verarbeitet und (aus)sortiert, ohne die begrenzten Kapazitäten des Bewusstseins zu durchlaufen.

Da diese Auswahl und deren gegebene physiologische Form eben nicht Gegenstand menschlicher Entscheidungen ist, muss mit verblüffender Offensichtlichkeit davon ausgegangen werden, dass unser Bewusstsein, die menschliche Freiheit, ein nachrangiges Gut der menschlichen Entwicklungsgeschichte ist. Ein interner entwicklungsgeschichtlich gegebener Code bestimmt vorab. Das erscheint unbefriedigend.

Schon der Philosoph Arthur Schopenhauer hatte vor 200 Jahren teils intuitiv die Gegenstände der Wahrnehmung als das Ergebnis zerebraler Verarbeitungsprozesse beschrieben :

“Alles Objektive, Ausgedehnte, Wirkende, also alles Materielle … ist ein nur höchst mittelbar und bedingterweise Gegebenes, demnach nur relativ Vorhandenes; denn es ist durchgegangen durch die Maschinerie und Fabrikation  des Gehirns und also eingegangen in deren Formen, Zeit, Raum und Kausalität, vermöge welcher allererst es sich darstellt als ausgedehnt im Raum und wirkend in der Zeit.” (Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung I, S. 63)

Dieses Unbewusste, Vorherbestimmende, dem Schopenhauer den Begriff ‘Wille’ gibt, wandelt auch in den menschlichen Handlungen, den menschlichen Motiven, mit denen wir Handlungen begründen usw.. Das Vorherbestimmende gilt als ein allem und jedem innewohnender “blinder, unaufhaltsamer Drang” (Welt als Wille und Vorstellung I, S. 380).  “Die Aktion des Leibes ist nichts anderes als der objektivierte, d.h. in die Anschauung getretene Akt des Willens.”

Wo bleibt, wenn man dem folgt, nun die menschliche Freiheit ?

Zum Einen lernen wir, so Schopenhauer, unseren inneren Code, unseren Charakter, im Verlauf des Lebens kennen. Wir objektivieren ihn und werden, was wir sind. Wir erfahren und erkennen uns und auch in einem umfassenden Sinn die Welt :

Der Mensch “ist sein eigenes Werk vor aller Erkenntnis, und diese [Erkenntnis] kommt bloß hinzu, es zu beleuchten. Darum kann er nicht beschließen, ein solcher oder solcher zu sein, noch auch kann er ein anderer werden; sondern er ist ein für allemal und erkennt sukzessive, was er ist. … [Der Mensch] erkennt, was er will. (W I, S. 403)

Zum Anderen erschließt er sich – indem er seine Motive kennen lernt – einen Raum der inneren Autonomie. Da der Einzelne weiß, was er sich “zutrauen kann und darf”, vermag er seine Ziele, seinen individuellen Möglichkeiten anzupassen …

Die Möglichkeit, sich vom Hier und Jetzt Gegebenen, vom alles erfassenden “Willen”, zu distanzieren, macht das Besondere des Menschen aus – eine nur “relative Freiheit”. Damit kommt zu guter letzt erst auch Verantwortlichkeit ins Spiel und die Möglichkeit moralische Normen als Steuerung seines Handelns zuzulassen.

In der menschlichen Erkenntnis wird eine “völlig adäquate Wiederholung des Wesens der Welt unter der Form der Vorstellung, welches die Auffassung der Ideen, der reine Spiegel der Welt ist (=Naturwissenschaften) [möglich], …  In diesem Sinne kann nicht nur der Wille an sich, sondern sogar der Mensch allerdings frei genannt und von allen anderen Wesen unterschieden werden.” (W I, S. 396)